Deutschlands riskante Arzneimittelabhängigkeit: Warum die Lieferketten in der Krise stecken
Tomislav PaffrathDeutschlands riskante Arzneimittelabhängigkeit: Warum die Lieferketten in der Krise stecken
Deutschlands Abhängigkeit von Arzneimittelimporten steht in der Kritik
Auf der diesjährigen Handelsblatt-Konferenz geriet Deutschlands Abhängigkeit von ausländischen Arzneimittellieferungen in den Fokus. Branchenführer und Gesundheitsexperten diskutierten Europas Verwundbarkeiten in der Pharmaproduktion – mit Warnungen vor einer zu starken Abhängigkeit von China und Indien. Die Debatten offenbarten Lücken bei der Bevorratung, der Regulierung und der langfristigen Resilienzplanung.
Tim Steimle, Leiter Pharma bei der Techniker Krankenkasse (TK), berichtete auf der Konferenz, dass Deutschland für 47 Prozent seiner Arzneimittel einen Vorrat von sechs Monaten angelegt habe. Doch Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland (AHD), wies dies als unzureichend zurück. Ein festes Bevorratungsziel sei ohne klare Planungsszenarien sinnlos, argumentierte er – besonders angesichts der Tatsache, dass 90 Prozent der globalen Waren auf nur 6.000 Schiffen transportiert werden.
Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BPI), betonte, dass die Lagerung von Generika für Hersteller kaum umsetzbar sei. Stattdessen müsse Gesundheitspolitik untrennbar mit Industrie- und Sicherheitspolitik verknüpft werden. Er forderte mehr Investitionen in die europäische Produktion. Thomas Weigold, Deutschland-Chef von Sandoz/Hexal, unterstrich dies mit dem Hinweis auf die extreme Abhängigkeit von China bei Antibiotika und Generika. Die "Handel-zuerst"-Strategie der EU schwäche die Resilienz, während die Branche mit kostspieligen neuen Vorschriften belastet werde, kritisierte er.
Steimle hinterfragte zudem, ob die Globalisierung zurückgedrängt werden solle, da die Pharmaindustrie auf weltweite Komponenten angewiesen sei. Er räumte Fortschritte bei Liefervereinbarungen ein – wenn auch nicht bei Kinderarzneimitteln – und unterstützte ein geplantes Freihandelsabkommen mit Indien. Weigold warnte unterdessen, dass Chinas Dominanz seit 2020 weiter gewachsen sei: Zwei Drittel aller Wirkstoffe werden mittlerweile in Asien produziert. Die deutschen Importe chinesischer Chemikalien hätten sich in 15 Jahren fast versiebenfacht, sodass über 30 Prozent der kritischen Substanzen von einem einzigen Lieferanten abhängen.
Bis zum Frühjahr 2026 führte diese Abhängigkeit zu mehr als 550 Arzneimittelengpässen. Trotz wiederholter Warnungen von Verbänden wie BPI und Pro Generika gibt es bisher weder konkrete staatliche noch branchenweite Maßnahmen zur Risikoreduzierung. Die Produktion verlagert sich weiterhin nach Asien – getrieben von niedrigeren Kosten und weniger regulatorischen Hürden –, während die geopolitischen Spannungen zunehmen.
Die Konferenz legte tiefgreifende Sorgen über Europas Arzneimittel-Lieferketten offen – ohne dass kurzfristige Lösungen in Sicht wären. Zwar hat Deutschland teilweise Vorräte aufgebaut, doch sind sich Experten einig: Um die Abhängigkeit von Asien zu verringern, braucht es umfassendere systemische Veränderungen – von Anreizen für die lokale Produktion bis hin zu strengeren Handelspolitikregeln. Ohne entschlossenes Handeln werden Engpässe und Lieferstörungen weiter bestehen.






