Hamburger Staatsoper polarisiert mit radikaler Schumann-Neuinszenierung
Tomislav PaffrathHamburger Staatsoper polarisiert mit radikaler Schumann-Neuinszenierung
Hamburger Staatsoper präsentiert provokante Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri
Am 27. September 2025 feierte die Hamburger Staatsoper eine mutige Neuinterpretation von Robert Schumanns Oratorium Das Paradies und die Peri Premiere. Unter der Regie von Christopher Rüping und der künstlerischen Leitung des neuen Intendanten Tobias Kratzer verband die Inszenierung das romantische Werk des 19. Jahrhunderts mit drängenden zeitgenössischen Themen. Die Uraufführung löste sowohl begeisterten Applaus als auch vereinzelte Buhrufe aus, endete jedoch in stehenden Ovationen für das Ensemble.
Kratzer, der das Amt des Intendanten erst in diesem Jahr übernommen hat, verfolgt das erklärte Ziel, das Opernhaus enger mit dem gesellschaftlichen Leben der Stadt zu verknüpfen. Diese Produktion setzte ein erstes starkes Zeichen in diese Richtung – eine Brückenschlag zwischen klassischer Tradition und moderner Realität.
Schon die ersten Minuten brachen mit operntypischen Konventionen: Kratzer ließ die Handlung direkt ins Publikum hineinwirken und durchbrach damit die vierte Wand. Kameras fuhren über die Zuschauerreihen, kommentierten das Geschehen und zogen die Betrachter aktiv in die Erzählung hinein. Ein besonders eindringlicher Moment entstand, als die Sopranistin Vera-Lotte Boecker in der Rolle der Peri über die Orchesterränge kletterte, sich neben eine weinende Zuschauerin setzte und ihr tröstend die Hand reichte – eine Geste geteilter Trauer.
Gewalt stand im Zentrum einer schonungslos inszenierten Massenszene. Ein ermordeter junger Mann – dargestellt als schwarzer Widerstandskämpfer, der sich gegen eine autoritäre Führung auflehnt – übergoss Peri mit blutroter Farbe, die ihr weißes Kleid durchtränkte. Die Bilder verknüpften sich mit übergeordneten Themen von Unterdrückung und Widerstand, während zeitgenössische Zivilisten in einen von einer weißen Machtfigur entfachten Krieg hineingezogen wurden.
Der dritte Akt lenkte den Fokus auf die Klimakrise: Kinder spielten unter einer Plastikkuppel, atmeten verschmutzte Luft ein, während im Hintergrund qualmende Schlote die Szene überragten. Parallel dazu entfaltete sich eine weitere Handlungsebene – ein unter Quarantäne gestelltes Paar, dessen Liebesgeschichte sich während eines pandemieartigen Lockdowns abspielte. Der Kontrast zwischen Schumanns romantischer Tonsprache und diesen drastischen Gegenwartsbezügen hinterließ ein nachhaltiges Bild.
Kratzer polarisierte mit seiner künstlerischen Radikalität: Während einige Zuschauer bei den Vorhangrufen buhten, feierte die Mehrheit die Inszenierung mit begeistertem Beifall. Die ungebändigte Energie und der schonungslose Gesellschaftskommentar schienen anzukommen – ein deutliches Signal für den von Kratzer eingeleiteten Wandel an der Staatsoper.
Die Premiere von Das Paradies und die Peri unterstrich Kratzers Vision einer sozial engagierteren Hamburger Staatsoper. Durch direkte Publikumseinbindung, aktuelle Konfliktstoffe und ökologische Themen lotete die Inszenierung die Grenzen klassischer Bühnenkunst neu aus. Mit weiteren Plänen, das Haus stärker für die Stadt zu öffnen, könnte diese Produktion erst der Auftakt zu einem umfassenderen Umbruch sein.






