Polyworking: Warum immer mehr Menschen mehrere Jobs brauchen, um zu überleben
Sofia ReisingPolyworking: Warum immer mehr Menschen mehrere Jobs brauchen, um zu überleben
Mehrere Jobs gleichzeitig ausüben – das sogenannte „Polyworking“ – ist für viele aus der Mittelschicht längst Alltag. Steigende Lebenshaltungskosten und unsichere Arbeitsverhältnisse zwingen immer mehr Menschen dazu, mehrere Tätigkeiten gleichzeitig zu stemmen, um über die Runden zu kommen. Für manche, wie eine Redakteurin mit zwei Teilzeitverträgen, ist es die einzige Möglichkeit, Miete und tägliche Ausgaben zu bestreiten.
Der Trend zum Polyworking hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Seit 2020 sind die Stellenangebote für Teilzeitjobs in Großstädten um fast 69 Prozent gestiegen. Eine Umfrage des Instituts Academized aus dem Jahr 2025 ergab, dass mittlerweile jede zweite Person zwischen 26 und 41 Jahren mindestens einen Nebenjob neben ihrer Hauptbeschäftigung ausübt.
Für die Autorin dieses Textes bedeutete ein Jahr mit zwei Teilzeitstellen in der Redaktion – oft zusätzlich belastet durch freiberufliche Aufträge – Arbeitswochen von 50 bis 60 Stunden. Schlafmangel ist an der Tagesordnung, und ein Sozialleben findet, wenn überhaupt, nur noch über hastige Sprachnachrichten und flüchtige Treffen statt. Keiner der beiden Jobs bietet Sicherheit, da es sich um befristete Verträge in einer Branche handelt, die von Entlassungswellen geprägt ist.
Die finanzielle Belastung ist offenkundig. Ein einzelner Teilzeitjob reichte kaum, um die Miete zu decken – eine Festanstellung mit höherer Steuerlast war daher keine realistische Option. In ganz Deutschland haben sich die Mieten innerhalb eines Jahrzehnts fast verdoppelt, in Berlin stieg sie um 69 Prozent. Viele Vollzeitstellen zahlen mittlerweile so wenig, dass sie kaum das Existenzminimum abdecken. Den Beschäftigten bleibt oft keine andere Wahl, als zusätzliche Jobs anzunehmen.
Polyworking ist längst kein bloßer Nebenverdienst mehr, sondern für viele eine Überlebensstrategie im heutigen Arbeitsmarkt. Bei stagnierenden Löhnen und explodierenden Lebenshaltungskosten fügen immer mehr Menschen mehrere Tätigkeiten wie ein Puzzle zusammen, um sich über Wasser zu halten. Der Trend spiegelt eine bittere Realität wider: In einer prekären Wirtschaft reicht ein einziges Gehalt oft nicht mehr aus.






