"Sancta" an der Stuttgarter Staatsoper: Provokation zwischen Kunst und Skandal
Tomislav Paffrath"Sancta" an der Stuttgarter Staatsoper: Provokation zwischen Kunst und Skandal
"Sancta": Ein provokantes Bühnenwerk fordert das Publikum der Stuttgarter Staatsoper heraus
Dieser Herbst bringt mit Sancta ein mutiges neues Performance-Stück auf die Bühne der Stuttgarter Staatsoper, das das Publikum herausfordern wird. Unter der Regie von Florentina Holzinger wird das einst verbotene Werk neu interpretiert und setzt sich dabei mit Themen wie Geschlecht, Religion und gesellschaftlichen Verletzungen auseinander. Schon bei der Premiere löste die Produktion heftige Reaktionen aus – darunter mehrere medizinische Zwischenfälle.
Holzingers Sancta greift Paul Hindemiths umstrittene Oper Sancta Susanna von 1921 auf, die damals wegen angeblicher Gotteslästerung abgelehnt wurde. Fast ein Jahrhundert später wurde das Stück zu einer radikalen "Messe der Massen" umgestaltet, die liturgische Musik mit Pop- und Metalelementen verbindet. Mit Nacktheit und Anspielungen auf die Wunden Christi eignen sich die Darstellerinnen die Rolle der Frau in der Kirchengeschichte neu an.
Die Uraufführung war so intensiv, dass 18 Zuschauer medizinisch versorgt werden mussten. Dirigentin Marit Strindlund, die bereits mit Holzinger an Ophelia's Got Talent zusammengearbeitet hatte, räumte ein, dass die Produktion Anpassungen in ihren schockierenden Bildern und unkonventionellen Methoden erforderte. Dennoch betonte sie, dass Holzingers Humor ein wichtiger Ausgleich zu den harten Visualisierungen sei.
Geplant sind fünf Vorstellungen – am 3., 4. und 5. Oktober sowie am 1. und 2. November. Das Stück bleibt weiterhin umstritten: Manche sehen darin eine längst überfällige Rehabilitation von Hindemiths zensierter Oper, andere hinterfragen den konfrontativen Umgang mit Glauben und Geschlechterungerechtigkeit.
Mit einer Mischung aus Sakrileg und Spektakel sprengt Sancta die Grenzen von Kunst und Diskurs. Die Inszenierung an der Stuttgarter Staatsoper wird die Debatte über den Platz des Werks in der modernen Performance weiter anheizen. Das Publikum wird entscheiden müssen, ob seine Provokationen als Kritik zu verstehen sind – oder bloß als Schockeffekt.






