07 May 2026, 14:35

Wie die DDR das jüdische Erbe Halberstadts gezielt verdrängte und umdeutete

Luftaufnahme des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, das zahlreiche rechteckige Betonsteine in einem Gittermuster zeigt.

Wie die DDR das jüdische Erbe Halberstadts gezielt verdrängte und umdeutete

Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht das vergessene jüdische Erbe Halberstadts unter der Herrschaft der DDR. „Verdrängtes Erbe“ stellt die lang gehegten Ansichten über den antifaschistischen Anspruch der DDR infrage und deckt auf, wie deren Politik die jüdische Gemeinschaft der Stadt im Stich ließ. Die Forschung wirft zudem einen neuen Blick auf zentrale Orte – von einer zerstörten Synagoge bis hin zu einer zweckentfremdeten KZ-Gedenkstätte.

Die jüdische Geschichte Halberstadts war bereits lange vor der DDR-Zeit nahezu ausgelöscht worden. Im November 1938 wurde die Synagoge der Stadt während der nationalsozialistischen Pogrome zerstört. Vier Jahre später diente die Rathaustraße als Sammelpunkt für die letzte Zusammenkunft der Halberstädter Juden, bevor sie 1942 deportiert wurden.

Nach dem Krieg entstand 1949 auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte. Doch bis 1969 war der Ort umgestaltet worden – nicht als Raum der Besinnung, sondern als Kulisse für politische Kundgebungen, errichtet direkt über den Gräbern von Häftlingen. Gleichzeitig wurden die unterirdischen Stollen des Lagers in den 1970er-Jahren als Depots für die Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet.

Grafs Arbeit zeigt, wie die DDR trotz ihrer antifaschistischen Rhetorik das jüdische Kulturerbe weitgehend ignorierte. Einige Ausnahmen gab es, etwa die Musik von Lin Jaldati oder die Romane von Peter Edel und Jurek Becker. Doch blieben diese Einzelerscheinungen in einem Staat, der sich zwar als Antifaschist inszenierte, das jüdische Gedächtnis jedoch nicht bewahrte.

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Das Buch argumentiert, dass es bereits 1949 und erneut 1989 Instrumente gab, um sowohl rechtsextremen als auch linksautoritären Antisemitismus zu analysieren und zu bekämpfen. Stattdessen wurden sie beiseitegeschoben. Graf plädiert für eine Neubewertung alter Deutungsmuster und fordert eine genauere Untersuchung, wie Geschichte manipuliert wurde – und was dabei verloren ging.

Grafs Erkenntnisse legen die Kluft zwischen den proklamierten Idealen der DDR und ihrem tatsächlichen Handeln offen. Die Gedenkstätte in Langenstein-Zwieberge, die umfunktionierten Stollen und das Fehlen einer Bewahrung jüdischen Kulturguts deuten auf eine gezielte Auslöschung hin. Heute dient seine Forschung als Ausgangspunkt, um neu zu hinterfragen, wie Geschichte erinnert wird – und was es wiederzuentdecken gilt.

Quelle