Wie die Ostthüringer Zeitung ihre Leser über Nacht ins Digitale warf
Tomislav PaffrathWie die Ostthüringer Zeitung ihre Leser über Nacht ins Digitale warf
Fast ein halbes Jahrhundert lang verließ sich Oma Paluschke auf ihre tägliche Ausgabe der Ostthüringer Zeitung (OTZ). Doch im Frühling 2023 blieb die Zeitung plötzlich vor ihrer Tür aus – ersetzt durch ein Tablet und einen überstürzten Wechsel ins Digitale. Der abrupte Wandel ließ hunderte langjährige Leserinnen und Leser zurück, darunter Paluschke, die sich nun durch E-Papers und sogar Online-Dating kämpft.
Die OTZ stellte die Printauslieferung in elf Gemeinden rund um Greiz von heute auf morgen ein und bezeichnete den Schritt als "Modellprojekt für die Digitalisierung ländlicher Räume". Rund 300 Abonnenten, darunter Paluschke, erhielten Tablets und eine kurze Einweisung, um die digitale Ausgabe zu nutzen. Der Verlag Funke gab später zu, dass die Umstellung schlecht vorbereitet war – mit nur acht Wochen Vorlauf.
Für viele war der Umstieg zu radikal. Fast die Hälfte der Abonnenten, oft ältere Bewohner, kündigten lieber ihr Abo, statt sich anzupassen. Andere hörten ganz auf, Zeitung zu lesen, und begnügten sich stattdessen mit dem Amtsblatt der Gemeinde – eine Quelle, die Paluschke als "ohne unabhängigen Journalismus" abtat.
Die Lücke, die die OTZ hinterließ, füllte sich schnell. Kostenlose Anzeigenblätter mit rechtsextremen Tendenzen weiteten ihre Verbreitung aus, während Plattformen wie der Heimatbote Vogtland – betrieben von AfD-nahen Akteuren – einseitige lokale Berichterstattung vorantrieben. Unterdessen untersuchte das Netzwerk Recherche die Folgen und veröffentlichte eine Studie unter dem Titel Lückenbüßer: Was passiert, wenn die lokale Zeitung verschwindet?
Paluschke selbst hat sich angepasst – wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten. Sie liest die OTZ nun als E-Paper und hat überraschenderweise sogar Online-Dating ausprobiert.
Der digitale Wandel der OTZ veränderte nachhaltig, wie die Menschen in Greiz Nachrichten konsumieren. Treue Print-Leser wie Paluschke passten sich an oder stiegen aus, während rechtsextreme Medien die entstehende Lücke nutzten. Das Experiment, das als Blaupause für die ländliche Digitalisierung gedacht war, zeigte stattdessen die Risiken eines zu schnellen Wandels ohne ausreichende Begleitung.






