Jeder zweite Jugendliche erlebt sexualisierte Gewalt im Netz – doch Deutschland handelt nicht
Tomislav PaffrathJeder zweite Jugendliche erlebt sexualisierte Gewalt im Netz – doch Deutschland handelt nicht
Digitale sexualisierte Gewalt gegen Jugendliche bleibt in Deutschland erschreckend verbreitet
Eine aktuelle Studie zeigt, dass fast die Hälfte aller Jugendlichen in Deutschland bereits Formen sexualisierter Belästigung im Netz erlebt hat. Ob durch Cybergrooming oder den Missbrauch intimer Bilder – die Gefahren nehmen zu, doch auf nationaler Ebene stocken die Bemühungen zur Bekämpfung des Problems seit 2020.
Laut einer Erhebung des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit aus dem Jahr 2025 waren 24 Prozent der Minderjährigen von Cybergrooming betroffen – einer Form des Missbrauchs, bei der Täter:innen über Chats Kontakt zu Kindern und Jugendlichen aufnehmen, um sie später sexuell zu belästigen oder auszubeuten. Dieselbe Studie ergab, dass 64 Prozent der 14- bis 25-Jährigen bereits nicht-physische sexualisierte Gewalt im Netz erlebt hatten, etwa durch Beleidigungen, unerwünschte Annäherungsversuche oder die Weitergabe expliziter Bilder ohne Zustimmung.
Doch das Problem beschränkt sich nicht auf Fremde: Viele Übergriffe geschehen in Freundeskreisen oder Klassenchats, wo Grenzen häufig überschritten werden. Trotz der alarmierenden Zahlen gab es seit 2020 keine neuen bundesweiten Präventionsprogramme. Eine Umfrage aus demselben Jahr hatte zwar Daten von Betroffenen sexualisierter Gewalt im Kindesalter gesammelt – doch daraus resultierten weder Gesetze noch Initiativen.
Thüringen ging voran: Ein dreijähriges Pilotprojekt, finanziert von der Landesbeauftragten für den Kinderschutz, brachte Präventionsworkshops an Schulen. Yasmina Ramdani leitete die Sessions und erreichte rund 5.000 Schüler:innen, um sie über digitale sexualisierte Gewalt aufzuklären. Expert:innen betonen, dass Prävention langfristig günstiger ist als die Bewältigung der Folgen solcher Übergriffe.
Auch prominente Fälle rücken das Thema in den Fokus: Die Schauspielerin Collien Fernandes sprach kürzlich über Vorwürfe digitaler Gewalt durch ihren Ex-Mann, Christian Ulmen. Ihr Bericht zeigte, wie schnell Online-Missbrauch eskalieren kann – selbst unter Erwachsenen. Präventionsbefürworter:innen fordern, dass Eltern ihr eigenes digitales Verhalten reflektieren müssen, um Vorbild zu sein.
Die Daten zeigen keine klare Abnahme digitaler sexualisierter Gewalt in den letzten fünf Jahren. Mit fortschreitender Deepfake-Technologie und wachsenden Online-Risiken warnen Fachleute vor einer Verschärfung der Lage – ohne stärkere Gegenmaßnahmen. Bisher bleiben regionale Projekte wie das in Thüringen eine der wenigen aktiven Schutzmaßnahmen für Jugendliche.






